RHEINPFALZ Nr. 278, 30.11.2021
"Brel war ein Haltegriff"
Noch steht der Plan. Der Sänger Klaus Hoffmann hat zwei Auftritte in der Region vorgesehen, einen im Januar in Kaiserslautern und schon nächste Woche einen im Mannheimer Capitol. Ein Gespräch über seine lebenslange Leidenschaft für den belgischen Chansonnier Jacques Brel, das Älterwerden und Konzerte als Booster für die Seele.
Herr Hoffmann, wie geht es Ihnen in diesen erneut komplizierten Tagen?
Die Musikveranstalter hängen völlig in dem täglichen Wahnsinn.
Das heißt?
Wir mussten jetzt Bayern absagen. Wir leben von den Konzerten, wir hatten 16, die alle verlegt wurden, immer wieder verlegt. Aber sie blieben uns. Die Konzerte waren nicht immer voll besetzt, aber immerhin. Wir wollen ja im März mit einer großen Tour starten, eigentlich haben wir ja schon Karten verkauft, aber es ist sehr schwierig. Die Veranstalter stehen zwischen Baum und Borke. In der letzten Zeit machte mich das wieder sehr wütend, dass von der Politik so viel versäumt wurde im Sommer. Vorzuplanen. Auch wenn Wahlkampf war. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich sauer wurde. Die Kultur steht in diesen Zeiten immer am Ende der Schlange.
Wie ging es Ihnen persönlich in den vergangenen Monaten?
Ich kam zur Ruhe. Aber mein Geist hing in den Lebensjahren. Ich bin älter geworden, erst 69, dann 70 Jahre, beides konnte ich in dem Sinne des Lebens nicht feiern. Ich war dann doch an Dinge erinnert, an die Zeiten, in denen die Existenz wichtig war, noch viel wichtiger als heute. Wir nannten das immer Geld zählen, das wir nicht haben. Mit Humor durchgehen, im Haus sein, das fand ich dann wieder gut, weil ich mal zu mir kam. Das Album „Septemberherz“ habe ich einen Tick vorher herausbringen können. Die Band hing überall, wir mussten über den Bildschirm kommunizieren. Das war schon eigenartig. Und ich habe immer wieder erkannt, dass ich den Beruf nicht nur gerne mache, sondern liebe. Die Lieder haben mir Halt gegeben, und sie haben mich ein Leben lang befreit. Seit ich angefangen habe mit 16 Jahren. Ich habe unheimlich viel lesen können, endlich mal den kompletten Leonhard Cohen.
Umständehalber waren Sie ja zeitweise mit zwei Programmen unterwegs: Mit dem Brel-Programm und den Septemberherz-Liedern. Wie kompliziert war das denn?
Es war sehr kompliziert. Das muss ich auch sagen: Ich habe die ganze Corona-Zeit Texte gelernt. Ich gehe hier jeden Morgen einmal um den See am Stadtrand von Berlin und babbel vor mich hin. Das war gut. Ich singe, glaube und hoffe so lange, bis ich nicht mehr kann. Es ist nicht nur, dass ich auftrete, narzisstisch, die Bestätigung ist das eine, aber der Vorgang alleine ist schon toll. Wenn man singen darf. Das ist Therapie plus.
Sie haben Jacques Brel angesprochen. Woher kommt diese lebenslange Liebe?
Jetzt waren wir sogar in Brüssel im Europaparlament und haben Brel gesungen, das war eine große Ehre. Ich habe den Belgiern beigebracht, wie Brel auf Deutsch klingt. Einige wussten noch nicht einmal, wie er auf Französisch war. Wir haben alle unsere Vorbilder. Aber er war, wie soll ich sagen, ein Haltegriff. Ich habe ihn mir gegriffen, weil ich damals einfach nicht wusste: Was macht ein Sänger? Ich hatte davor Elton John und Hildegard Knef im Kopf. Und Harald Juhnke. Danach kam nichts, dann Bob Dylan. Ich habe ihn mir genommen, wie Schriftsteller sich Brecht nehmen. Ich arbeite mich an Brel ab. Ich bereue nichts.
Als Sie angefangen haben, wurden Künstler wie Sie mit dem putzigen Begriff Liedermacher bezeichnet. Das greift mit Blick auf ihre musikalische Entwicklung heute viel zu kurz, oder?
Ich will da heute keinen kränken, das ist ja auch ganz schön. Aber es ist wieder so deutsch. Ich habe mich Sänger genannt. Das klingt archaischer. Am besten haben es die Amis mit Singer/Songwriter. Die Italiener mit ihrem Cantori. Wie auch immer. Ich bin ein Liedermacher. Und auch ein Schauspieler, einer der singt und schreibt. Ich glaube, ich bin Hoffmann. Basta.
Ihr Spätwerk nimmt Anleihen an verschiedene Richtungen. Zeichnet Sie das aus, diese Wandlungsfähigkeit?
Ich möchte weiterhin auch mit Orchestern arbeiten. Die letzte Platte habe ich musikalisch sehr heruntergefahren, sie war sehr pur. Meine Musiker und ich machen sehr unmoderne Musik, und das ist gut. Dadurch kann ich auf Bossa gehen, oder mit anderen Latino-Einflüssen arbeiten. Mich interessieren auch immer mehr die Amerikaner. Sie sind uns voraus gewesen. Ich kam von Joni Mitchell und von Paul Simon. Das waren Leute, die früh mit ihrer Biografie gearbeitet haben. Erinnerungskünstler. Auch Brel hat das gemacht. Charles Aznavour ging dann noch weiter, er hat Jazz gemacht.
Erinnerungskünstler, ein gutes Stichwort. Die Vergangenheit spielt in Ihren Konzerten immer noch eine große Rolle. Beispielsweise der frühe Tod des Vaters. Verarbeiten Sie das an den Abenden auf der Bühne?
Er taucht auf und gibt die Begründung für das, was mir immer fehlte Ich habe John Lennon wieder entdeckt, der seine Mutter immer wieder herauskehrte, weil sie fehlte. Es geht darum, dass ich mir in meinem Leben immer mehr klar werde, was für ein Geschenk ich hatte. Das war nicht die Wunde, sondern es machte auch den Raum frei. Es ist nicht mehr nur Bedürftigkeit, es ist Teil meiner Reise.
Ich habe gerade den süßen Satz eines Konzert-Besuchers gelesen, Ihre Konzerte seien Booster für die Seele. Stimmt das? Ist das Ihr Auftrag?
Das fand ich auch gut. Aber n ur Lebenshilf - Nein. Generell mache ich schon auch Sachen, bei denen du von einem Gefühl ins andere fällst. Frank Zappa, den ich auch eine Zeit lang mochte, hat die Leute provoziert in einer Form, wo man ihn nicht mehr in den Arm nehmen wollte. Aber letzten Endes ist jeder eigenständig.
Berlin, immer auch ein Schwerpunkt. Ist das heutige Berlin noch das Berlin, das Sie so liebten?
Jetzt in der Corona-Zeit habe ich mich täglich in meinen alten Benz gesetzt und bin einmal über den Wannsee meine große Kurve gefahren und habe meine Musik gehört. Und da hat mir Berlin wieder unglaublich gefallen. Ich war wieder zu Hause. Manchmal bemitleide ich mich und die Stadt, weil wir so problematisch sind, weil wir so ein breites Unruhefeld sind. Aber es ist hier auch wie im alten Rom, wir müssen mit dem Geld umgehen, das fehlt. Das schafft Fantasie.
Sie wurden im Frühjahr 70 Jahre alt. War das ein Moment, um inne zu halten? Oder ging es gerade so weiter?
Ich habe mich schon erschrocken. Vorher hatte ich die sechs davor, da habe ich mir nie was über das Älterwerden gemacht. Ich bin lebenslustig genug um zu sagen: Ein Glück bin ich noch nicht 80 Jahre alt, aber ich hoffe, es zu werden. Das war nicht immer so.
Interview: Udo Schöpfer
Badische Neueste Nachrichten 15.11.2021:
"Der Barde an der Gitarre"
Sänger Klaus Hoffmann begeistert das Publikum im Baden-Badener Kurhaus
Von unserer Mitarbeiterin Christiane Krause-Dimmock
Dass seine Fans keine Corona-gefärbte Müdigkeit vorschützen, davon könnte Klaus Hoffmann im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied singen. Der Donnerstagabend im Baden-Badener Kurhaus war ausverkauft.
Ein bisschen Brel, ein wenig Septemberherz und ganz viel Charme legte der frischgebackene 70-jährige an den Tag, plauderte munter drauf los, nahm mit in Berliner Hinterhöfe, in enge Teeküchen mit schwatzenden Sekretärinnen, die ihn um Haupteslänge überragten, was die Sache für ihn erotischer machte, und träumte von Goa. All das, ganz gleich was er singt oder sagt, wirkt authentisch, klingt wie die echte eigene Hoffmann-Lebensgeschichte, die in seinem Kiez beginnt, wo jedes Fest ein Glückwunsch an die Welt war und er sein wollte wie eine Mischung aus Hildegard Knef und Yves Montand.
Während sich das Publikum, trunken von all den vielen schönen Tiraden, den romantisch-Verklärten Frauenversteher-Vorträgen worttrunken in die Rückenlehne sinken lässt, wischt Hoffmann die eben geschaffenen Gefühlstiefen mit einem Nebensatz wieder weg. "Wenn Ihr glaubt...". Und schon geht's weiter, wandert das Jacket auf den Flügel von Hawo Bleich, während der Barde zur Gitarre greift und seine Mädels aufmarschieren. " Ich hatte immer Frauen um mich. So wie hier." Und dann kommen sie und entzücken das Publikum, die blinde Katharina, die träumende Marlene und die tanzende Gerda. Doch das Karussell des besungenen Lebens drehte sich weiter wie ein bunt bebildertes Kaleidoskop aus Geschichten, die zum einen das Leben schrieb, zum anderen der Künstler selbst. Er versteht es, sich den Menschen auf ganz besondere Weise zu nähern, baut Brücken zum vornehmlich weiblichen Publikum unterschiedlicher Generationen auf, kommt von der Bühne herunter und begrüßt auf Augenhöhe.
Genau das ist seine Kunst, die er letztlich auch auf einfühlsame Weise in Worte packt und zu Liedern macht. Genau wie die eingangs besungene blinde Katharina ihn bei der Hand nehmen soll, so führt auch er seine Zuhörer in eine neue Welt und öffnet die Augen für Randfiguren, für die Marieke etwa aus dem Flandernland oder für die, die er liebt. Das trifft auch auf ihn zu, weil er es auf fast schon grandiose Weise versteht die unterschiedlichsten Stilrichtungen zu bedienen, den Größen des französischen Chansons zu huldigen ohne sich anzubiedern und eine Geschichte zu erzählen, die den Abend zu einem durchgängigen Plott geraten lässt, fast wie in einem Film. Das kann man glauben oder nicht, wie er selbst meint. Doch unterm Strich ist es berührend und unterhaltsam, was Hoffmann mit seinem Pianisten auf die Bühne zaubert. Dafür liebt ihn sein Publikum. Mit minimalen Handbewegungen dirigiert er einen spontan in den Rängen gebildeten Chor bravourös, fast so als habe man die Einlagen miteinander sorgfältig einstudiert.
Es fühlt sich einfach alles gut an. Denn immer wieder treten die guten alten Moralvorstellungen zu Tage, zeigt Hoffmann Herz und sich selbst als Mensch. Der Schmerz um den jung verstorbenen Vater ist immer wieder ein Thema, ebenso wie der alte VW Käfer mit dem seine Freunde und er nach Goa reisen wollten. Ob da was dran ist? Spielt ja auch gar keine Rolle. Vielmehr kommt es auf die Songs an, die so herrlich authentisch wirken, die sofort Bilder erzeugen, die von Worten und Melodie getragen werden, wie etwa "Die Männer meiner Mutter" oder "Für das bisschen Zärtlichkeit", mit dem er sich in das Leben weiterer Randfiguren der Gesellschaft hineinfühlt.
Ein wohlig-warmer Abend, der unter die Haut ging, immer wieder berührte und zum Lachen brachte. Denn das hat er drauf, der Klaus Hoffmann. Mit den Menschen zu reden, mit den Menschen zu leben, ohne abgehoben zu wirken.
Pforzheimer Zeitung 04.10.2021
Dramatisch, pathetisch, lyrisch: Klaus Hoffmann interpretiert Chansons von Jacques Brel im Kulturhaus Osterfeld
Pforzheim. Osterfeld-Geschäftsführer Bart Dewijze ist Belgier – und stolz auf den in Schaerbeek und Brüssel aufgewachsenen Chansonnier und Schauspieler Jacques Brel (1929-1978). Natürlich lässt er sich die Anmoderation zum sonntäglichen 17-Uhr-Konzert "Klaus Hoffmann singt Jacques Brel" nicht nehmen.
So bereitet er den Boden für die folgenden 70 Minuten, die Hoffmann und sein Pianist Hawo Bleich als musikalische Hommage an Brel anlegen. Mit dem Chanson "Die Vornamen von Paris" (Originaltitel: "Les prénoms de Paris") entführen die beiden Berliner in die Seine-Metropole – und lassen mit "Die Spießer" ("Les Bourgeois") sofort ein Lied aus Brels Repertoire folgen, das kollektive Dummheit geißelt, gegen Ungerechtigkeit und Bigotterie unmissverständlich Position bezieht.
Die Chansons des Abends umgibt Hoffmann mit Salonplauderei, Aperçus und scheinbar beiläufig lose hingeblätterten Gedankenfetzen, die seine eigenen Erlebnisse aufblitzen lassen, von Berlin-Charlottenburg bis Afghanistan, das er 1970 auf abenteuerliche Weise bereist und nie mehr vergisst – sein Unmut über die wiederholte Besetzung des Landes und den unlängst stümperhaft organisierten Abzug wird deutlich.
Affinität zu Brel schon in jungen Jahren entdeckt
Die eigene Affinität zu Brel entdeckt Klaus Hoffmann (geboren 1951) bereits als 24-Jähriger. "Er sang anders", beschreibt er seine frühe Faszination. "Ich war von seiner Stimme begeistert, wollte ihn aber nicht kopieren". Schon sein Debüt-Album "Klaus Hoffmann" (1975) wartet mit drei ins Deutsche übertragenen Brel-Liedern auf. Dramatisch, pathetisch, lyrisch.
Und die Produktion "Was bleibt?" präsentiert im Folgejahr Brels Klassiker "Geh nicht fort von mir" ("Ne me quitte pas") und "Marieke". "Mit vorangeschrittenem Alter", sagt Hoffmann, "entdecke ich Brel, der selbst nie ein alter Sänger werden wollte, noch einmal neu".
Im Osterfeld greift Klaus Hoffmann bei "Marieke" zur Gitarre – und Hawo Bleichs perlendes Pianospiel wird zum Sahnehäubchen, das den Titel mit ungeheurem Schwung versieht, zum Tanzen einlädt. "Brel hatte Segelohren wie Dominique Horwitz", ätzt Hoffmann grinsend: "Er sah wirklich schlimm aus, aber ich liebte ihn. Er sang – und verbrannte. Er träumte davon, ein Freiland zu finden, da nahm er sein Boot und segelte auf die Marquesas".
Zuschauer spenden stürmischen Applaus
Brels Chanson "Amsterdam" folgt; Hoffmann singt mit Inbrunst, stampft im Rhythmus und tanzt mit seiner Gitarre. Die Zuschauer spenden stürmischen Applaus.
Weitere Höhepunkte folgen mit "Wenn uns nur die Liebe bleibt" ("Quand on n'a que l'Amour"), das Hoffmann mit sparsam eingestreutem Gitarrenspiel begleitet und mit dem Ausruf "Brel lebt. Brel lebt!" beschließt, mit dem Chanson "Die Alten" ("Les vieux") und der mit Ovationen belohnten Zugabe "Adieu Emile". Mit "Macht's gut, Leute. Bleibt gesund!" verabschieden sich Hoffmann und Bleich vom Publikum.
Autor: Robin Daniel Frommer
Berliner Morgenpost 22.08.2021:
"Perfekte Balance"
Als sei er nie fort gewesen: Der Sänger Klaus Hoffmann in der Bar jeder Vernunft
Ulrike Borowczyk
Plötzlich ist sie wieder da, diese Klaus-Hoffmann-Magie. Endlos lang vermisst, swingt sie sich mit dem Song "Die Zeit gehört den Zärtlichen" in Gehörgänge und Herzen. Als wäre der Sänger nie weg gewesen. Verlernt hat er zumindest nichts in der Pandemie-Auszeit.
Kaum wieder auf der Bühne, strickt er launig an der eigenen Legendenbil-dung. Erzählt von seinem fantastischen Aussehen. Damals, als er noch jung und ein Trenchcoat sein ganzer Stolz war. Ach ja, überbegabt war er natürlich auch. Als Liedermacher, Schauspieler und so fort. Es sei schon verrückt, dass er jetzt älter werde. Ganz im Gegensatz zu seinem verehrten Publikum, versteht sich. Daher habe er sich vorgenommen, sich nichts mehr vorzunehmen. Außer, die Zuschauer bestmöglich zu unterhalten.
Erfrischend selbstironisch gibt sich Klaus Hoffmann in der Bar jeder Vernunft bei der Uraufführung seines Programms "Septemberherz". Benannt nach seinem gleichnamigen Album, vereint der konzertante Abend viele der neuen Songs mit zahlreichen Klassikern aus Hoffmanns Schaffen. Verbindet den Blick zurück mit dem nach vorn. Der gebürtige Charlotten-burger mit Wohnsitz in Kladow ist aber mitnichten nostalgietrunken. Wenngleich er seine kleinen, biogra-fischen Geschichten mit einem Tropfen Wehmut anreichert, verleiht er ihnen stets eine gewisse Situationskomik, die der Schauspieler Klaus Hoffmann durchaus darzustellen weiß. Eine perfekte Balance also. Die ganz großen Gefühle bleiben aber der Musik und den Liedern vorbehalten. Wie gewohnt am Flügel begleitet vom Berliner Tastenkünstler Hawo Bleich, der die jeweilige Dramaturgie und Stimmung der Songs kongenial einfängt. Mal jazzig, mal zart, mal hochdramatisch. Klaus Hoffmann selbst greift immer wieder zur Akustik-gitarre, überzeugt mit filigranem Fingerpicking. Und natürlich als Sänger mit unverwechselbarem Timbre, aber äußerst wandelbarem stimmlichen Gestus.
Gerade noch schwelgt er in den schwermütigen Klängen von "Wie sich die Flügel dreh'n im Wind", einem seiner Lieblingssongs. Dann wiederum singt er Chansons von Jacques Brel. "Marieke", "Amsterdam" und "Bitte geh' nicht fort". Mit dieser expressiven, raumgreifenden Theatralik, die Hoffmann zu einem der vorzüglichsten Brel-Interpreten der Gegenwart macht.
Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr weichen die humorigen Conferencen einer lebensweisen Melancholie. Changierend zwischen existenzieller Hoffnung, berühren Lieder wie "Ich weiß nicht, ob's vorbei ist" zutiefst. Klaus Hoffmann, so scheint es, ist mit 70 Jahren bei sich angekommen. Und er ist mit dem Alter immer besser geworden.
Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, 22. + 29.8., um 19 Uhr, 26. bis 28.8. jeweils um 20 Uhr.
MusikWoche 26.03.2021
Klaus Hoffmann: "Ich kam mir durch die Singerei ­immer näher"
Klaus Hoffmann zählt seit Jahrzehnten zu den profiliertesten deutschen Liedermachern und Chansonniers, machte zudem als Schauspieler und Buchautor von sich reden. Anlässlich seines 70. Geburtstags am 26. März befragte MusikWoche den Berliner Songpoeten unter anderem zu Karriere, Konzerten und Corona.
von Frank Medwedeff
Vielseitig und feinsinnig als Sänger, Songtexter, Komponist, Schauspieler und Schriftsteller: Klaus Hoffmann
MusikWoche: Wie begehen Sie ihren 70. Geburtstag? Hatten Sie ein größeres Fest dazu geplant wie den Konzertabend zu Ihrem Sechzigsten im Friedrichstadtpalast mit Gästen wie Reinhard Mey, Hannes Wader, Romy Haag, Lydie Auvray oder Herman van Veen?

Klaus Hoffmann: Ein größeres Fest war nicht in Planung. Das Fest des Lebens ist für mich im Moment eine Art Wiedergeburt. Sieht man auf die Zeit, Corona und die Auswirkungen. Aber als dann die Maßnahmen kamen und gingen, wurde mir schon flau. Der Siebzigste ist eben doch ein Grenzstein. Danach wird, glaube ich, alles noch wesentlicher für mich sein: die Freunde, das Haus, die Liebe, das Vergehen...

Musikwoche: Wie verlief die musikalische Prägung in Ihrer Jugend? Was hat sie in den Sechzigern inspiriert, selbst Lieder zu schreiben und damit auf die Bühne zu gehen?

Klaus Hoffmann: Musik. Erst Schlager meiner Mutter. Gut gemachter Unsinn. "Tanze mit mir in den Morgen". Sehnsuchtslieder. Dann der Blitz, der mich durchfuhr, als ich zum ersten Mal "A Hard Day's Night" von den ­Beatles hörte. Ich verstand den Text nur bruchstückhaft. Wir kauten unser eigenes Englisch. Es war aber egal, die Lieder waren eine unerhörte Nahrung für die Seele. Dann kam Dylan mit "Maggie's Farm", ich dachte es ginge da um eine Landkommune, so als Protest zur fleischfressenden Gesellschaft; dann kam Van Morrison, erst dann Brel.

MusikWoche: Jacques Brel hat Sie offenkundig besonders inspiriert und beeinflusst. So haben Sie das erfolgreiche Musical "Brel - Die letzte Vorstellung" kreiert und Brels Lieder auf zahllosen Konzerten und Plattenaufnahmen auf Deutsch neu interpretiert. Was macht die Faszination seiner Kunst aus?

Klaus Hoffmann: Brel war ein Lockvogel. Ich hörte ihn das erste Mal in einem kleinen Club, in meiner Lehrzeit. Ich konnte kein Französisch. Man wählt sich ja über die Stimme die oder den man ein Leben lang meint. Es war gut zu hören für mich, dass es etwas außerhalb der Norm der Liedermacher in jener Zeit gab. Obwohl Reinhard Mey und auch Hannes Wader und sicher auch Biermann alle von den "Muschelbrüdern", also den Chansons François Villons, kamen. Sie waren frankophil. Musste sein, selbst Degenhardt stand Brassens näher als Marcuse.

MusikWoche: Gibt es Lieder, Alben oder Konzerte, die sie Meilensteine Ihrer Karriere nennen würden, oder die Ihnen ganz besonders am Herzen liegen?

Klaus Hoffmann: Sicher waren die ersten Clubauftritte vor 20 mehr oder weniger betrunkenen Leuten, im Berlin der 68iger, für mich die ersten Meilensteine, die ich überschreiten musste. Das ist nicht ironisch gemeint. Scheu wie ich war, lernte ich 17-jährig mit einem Publikum umzugehen, eine Stimme zu finden. Meine ersten Lieder waren es, schau' ich heute zurück, die die Leute eher für sich pickten als ich. Es waren die eigentlichen Hits in meinem Werk. "Blinde Katharina","Sarah", "Der Feuervogel". Ich begriff erst viel später, als ich mit namhaften Produzenten und Arrangeuren wie François Rauber, dem Arrangeur von Jacques Brel, und David Richards, dem Toningenieur von Queen und David Bowie, arbeiten durfte, was so ein Lied jugendlich naiv gegossen machen kann. Drei Akkorde und ein Text, der aus dem "so sein" kam: unschlagbar und echt.

MusikWoche: Welche Live-Auftritte oder Songs anderer Künstler haben für Sie einen besonderen Stellenwert?

Klaus Hoffmann: Spontan würde ich sagen: Sting im CCH Berlin, vorher mit Police in der Berliner Deutschlandhalle. Die Knef in der Philharmonie Berlin, da ging es schon bergab mit ihr, gesundheitlich und finanziell. Aber sie war die Größte, mit bissigem Elan, gefühlvoll und klug. Ich habe sie geliebt. Dann natürlich "Suzanne" von Cohen. Das erste gezupfte kleine große Lied. Wir suchten einen Proberaum, kopierten Them, die Jungs verschwanden in einem Keller, ich saß im Auto. Und musste heulen, als ich Cohen hörte. Ich sah ihn dann, als er sein letztes Konzert in der Mercedes-Benz Arena gab. Das beste Konzert nach Peter Gabriel und Elton John und McCartney. Aber ich musste meinen Weg finden. Basta.

MusikWoche: Inwiefern haben sich Ihre künstlerische Ausrichtung und der Prozess des Liederschreibens über die Jahre verändert?

Klaus Hoffmann: Ich bin formal etwas besser geworden, leider eine Zeitlang auch perfekter im Sound, den ich immer suchte. Im Moment kehre ich zurück. Die ersten Lieder waren die besten. Ungehobelt, bisschen sentimental, und ich hatte kaum Stimme. Dann kam Montreux bei David Richards: Ich wollte unbedingt in die Mountain Studios - nahe zu David Bowie, der von Richards gemischt wurde, und an dessen Performance ich glaubte. Der meine letzte große Rolle dann spielte, "Schöner Gigolo" - ich musste passen, das Thalia Theater ließ mich nicht drehen. Das ist eine andere Geschichte. Aber wie Bowie - Brel, Sinatra, Knef, alle großen Sänger ohne viel Stimme waren beste Schauspieler. Das zusammenzubringen, tat manchmal weh. Aber ich war ja neben Grönemeyer einer der ersten, die beides taten.

MusikWoche: Was waren Ihre Beweggründe, Ende der Neunziger mit stille-music Ihr eigenes Label mit Verlag zu gründen? Was bedeutet es für Sie, damit seither auf eigenen Füßen zu stehen?

Klaus Hoffmann: Ich musste nach zehn Jahren bei der Virgin weg. Bis auf Udo Lange wollten mich nur die Promo-Frauen, es war für mich die beste Zeit nach der RCA Hamburg. Da hatte es für mich mit Georg Baum und Michael Anders begonnen. Verkäufe in sehr hohen Zahlen. Da war der kleine Klaus noch am Anfang und sehr verwöhnt vom Markt. Nach der Virgin wollte mich keine Major-Firma, und meine Ex-Bosse schlugen mir vor, den Anfang der eigenen Labelgründung zu machen. Es gab Die Ärzte und Toten Hosen, die, glaube ich, schon ihre eigenen Firmen gegründet hatten. Jedenfalls riet mir der wunderbare Achim Reichel: "Mach deinen eigenen Club auf". So ging es los. Kleines Büro, mit Indigo als Vertrieb bei Jörn Heinecker und ein langfristiger Vertriebsvertrag und zack, wir waren wieder in den Charts. Natürlich nur durch Karsten Jahnkes Tourbetrieb und die vielen Konzerte, Hauke Tedsen, meine Band, so viele Freunde, so viele Menschen, die an dem Sänger Hoffmann teilnahmen. Mich förderten. Es ging immer rauf und runter.

Es ist eine Knochenarbeit: Der Sänger, der Schauspieler, der Autor, das alles zusammenzubringen. Und noch Erfolg zu haben. Du brauchst Erfolg, nicht immer, aber er ist wichtig. Sagen alle, die ein Lied bei sich tragen, um es hinaus zu singen, in die schöne, böse, dumme Welt. Ich kam mir durch die Singerei immer näher.

MusikWoche: Normalerweise wären Sie auch in diesem Jahr auf Tour - sei es mit den Songs des jüngsten Albums "Septemberherz" oder mit Brel-Chansons. Wie sehr fehlen Ihnen die Konzerte?

Klaus Hoffmann: Ungemein fehlt mir mein Publikum. Sehe ich daran, dass ich in fast jedem Interview laut zu singen anfange. Die Leute, die mich seit über 40 Jahren tragen, mein Publikum, die kleinen und großen Ansammlungen, das kollektive Mitsingen, das fehlt. Die Gesichter. Die Hallen, die heiligen und abgeranzten. Die Leute, die mich bezahlen, ernähren ... Ich sag' mir, wenn die Kunst fehlt, ob als Lied oder als Ballett, werden wir blöde. So ist das. Musik ist eben Lebensmittel.

Musikwoche: Wie kommen Sie und Ihre Firma stille-music ansonsten durch die Pandemie? Hat der Lockdown für Sie auch positive Aspekte - vielleicht mehr Zeit zum Liederschreiben oder für einen neuen Roman?

Klaus Hoffmann: Ja, sicher auch, ich schreibe jeden Tag. Aber die neue Platte, mal sehen ... meistens habe ich nach der letzten schon einen Arbeitstitel, der fehlt im Moment. Es war zu viel Zeit zum Geld zählen, vor allem Geld, das fehlt. Aber meinen Freunden, die nicht so etabliert sind, geht's heftiger. Dazu den Technikern, den Ings, den Maskenbildnern, den Gauklern, den Bühnenarbeitern, der Kunst ... Alles wird nach Corona anders sein. Aber bis heute bemerke ich mehr und mehr wieder die Demut, die mir früher vor Augen war. An sich ein guter Extrakt aus dem, was im Moment ist.

MusikWoche: Wie sehen Ihre Pläne und Wünsche für die nächsten Jahre aus?

Klaus Hoffmann: Singen, spielen, schreiben, leben, lieben, leben ...
Tagesspiegel 26.03.2021:
Klaus Hoffmann wird 70 Jahre
Berliner Liedermacher plant Tournee
Musik zwischen Brel, Juhnke und Knef machte ihn bekannt. Doch Klaus Hoffmann ist längst auch ein Romancier. Seine Geburtstagstournee muss er aber nachholen.
Elisabeth Binder
Charlottenburger Gewächs. Erst als Schauspieler bekannt, trat Hoffmann später vor allem als Musiker auf.

Seit mehr als 40 Jahren steht er auf der Bühne, hat über 400 Lieder geschrieben und an die 50 Alben damit gefüllt: Klaus Hoffmann kann an seinem 70. Geburtstag am 26. März eine eindrucksvolle Zwischenbilanz ziehen.

Aufgewachsen in Charlottenburg sah es zunächst so aus, als wolle er seinen Lebensweg dem Schauspiel widmen. Er absolvierte eine Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar und spielte 1976 die Titelrolle in der Verfilmung von Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“, für die er mehrere Auszeichnungen erhielt. Auch in der Freien Volksbühne und im Thalia Theater in Hamburg spielte er, doch Film und Theater waren nicht alles für ihn.

Zur Musik hatte es ihn bereits Ende der 60er Jahre gezogen, als er sich mit seinen ersten eigenen Liedern in Berliner Clubs präsentierte, im Go-in zum Beispiel. Sein erstes Album brachte er 1975 heraus.

Hoffmanns Bandbreite liegt zwischen amerikanischen Songs und Interpretationen des belgischen Chansonniers Jacques Brel, aber auch zwischen Harald Juhnke und Hildegard Knef. Die Heimatstadt Berlin hat er immer wieder gern besungen, etwa mit „Was fang’ ich an in dieser Stadt?“ und dem „Kreuzberger Walzer“.

Beim Singen allein ist es dann auch nicht geblieben. Längst ist Klaus Hoffmann auch als Autor von Romanen bekannt. „Afghana“ handelt von der Reise des Autors durch ein anderes Afghanistan Ende der 60er Jahre. Es folgten „Der Mann, der fliegen wollte“ und „Phillip und die Frauen“. Seine Autobiografie, die bereits im Jahr 2012 erschien, trägt den bezeichnenden Titel „Als wenn es gar nichts wär“.

Der Künstler setzte sich auch für andere ein, spendete etwa an Projekte zugunsten afghanischer Kinder. Für sein ganzes Wirken verlieh ihm Berlins Regierender Michael Müller 2019 den Landesorden.

Den 60. Geburtstag feierte Klaus Hoffmann mit einer Gala im Friedrichstadtpalast mit vielen Weggefährten, darunter Reinhard Mey, Hermann van Veen und Hannes Wader. Zum 70. hatte er eine Geburtstagstournee geplant, die wegen der Pandemie verschoben wurde. Sie soll nun im nächsten Jahr stattfinden.
rollingstone online:
Zum 70. Geburtstag von Klaus Hoffmann: Es muss aus Liebe sein
Berliner Morgenpost 26.03.2021:
„Man sollte bis zum Schluss arbeiten“
Der Berliner Chansonnier Klaus Hoffmann wird 70 Jahre alt.
Und spricht über Identität, die Bühne und das Alter
Ulrike Borowczyk
Klaus Hoffmann gehört zu den bedeutendsten Liedermachern und Chansonniers des Landes. Geboren 1951 in Berlin und aufgewachsen in Charlottenburg, begann er seine Karriere allerdings als
Schauspieler. In den Siebzigern arbeitete er mit allen großen Regisseuren wie Peter Zadek und Boy Gobert und mit internation-alen Filmgrößen wie Ingmar Bergman.
1975 legte er sein selbstbetite-ltes Debütalbum vor, dem über drei Dutzend weitere gefolgt sind. Zuletzt „Septemberherbst“
im Herbst 2020. Untrennbar
verbunden ist sein Name mit Jacques Brel, seinem Bruder im Geiste. Heute gilt Hoffmann als einer der wichtigsten Brel-
Interpreten unserer Zeit. Bodenständig geblieben, lebt der Musiker heute mit seiner Frau Malene in Kladow. Am heutigen
Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag.
Wir haben ihn gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Hoffmann, man hört ja immer wieder, Siebzig sei das neue Sechzig. Stimmt das?
Klaus Hoffmann: Nein. Überhaupt
nicht. Durch frühe Verluste hatte ich die Endlichkeitsge-danken schon immer stark im Kopf. Bis Fünfzig ging das noch.
Siebzig finde ich jetzt ziemlich weit vorangeschritten.
Zumal ich ein Mensch bin, der sich noch von diesem Kinderge-danken ernährt. Meine Mutter, die 92 wurde, hat immer gesagt: „Ach, werde doch vernünftig.“ Sie hat mir auch den Spruch mitgegeben: „Der Junge erzieht
sich selbst.“ Ich weiß gar nicht, was ich mit diesen widersprüchlichen Sätzen anfan-gen soll. Vernünftig bin ich immer noch nicht.

Haben Sie angesichts des Endlichseins so
etwas wie eine Alterspanik?

Für mich wäre es das Schwerste, diese Erde zu verlassen. Meine Panik ist die Angst, die Men-schen loszulassen, die mir
wichtig sind. Musik hilft mir sehr dabei, im Tag zu sein. Das zu ertragen. Zum Glück bin ich noch nicht hinfällig. Ich
mache jeden Tag zwei Stunden was dafür.
Sting sagt, er muss ausschreiten. Ich laufe einfach um den Glienicker See oder
um den Grunewaldsee. Und wenn ich mir als Kind begegnen will, durch den Schlossgarten.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Da sehe ich mich mit Malene als älteren, graumelierten Herrn sehr sportlich in Venedig rumturnen. Als Ulrich Tukur
von seiner Italienzeit erzählte, konnte ich das gut nach-empfinden. Essen, trinken,
Musik und Kunst genießen. Das hat eine Sinnlichkeit, die mir in meinen Jugendjahren ver-schlossen blieb. Vielleicht,
weil der Vater früh starb. Das im Alter ohne evangelisches „Du musst“ noch mal frei zu erleben, wäre eine tolle Sache.

Das muss wohl warten.

Ja. Nachdem das Konzert zum Geburtstag in der Philharmonie und die große Tour auf das nächste Jahr verschoben wurden, stehen im Herbst kleinere Auftritte von „Brel“ auf dem Programm. Und natürlich „Septemberherz“ im August
in der Bar jeder Vernunft. Ich gehe jetzt daran, wieder zu proben. Und merke plötzlich, wie zart die Lieder sind. Ich
hatte den Sound viel ruppiger in Erinnerung.

Ihr Album „Septemberherz“ ist eine autobiografische
Retrospektive. War das auch so
geplant?

Es war in mir drin geplant und ich bin dem gefolgt. Du denkst ja immer, das ist das letzte Album, wenn du schreibst. Auch aus Erschöpfung. Ich arbeite dabei auf drei Ebenen als Schau-spieler, Sänger und Autor. Und habe zurückgeschaut auf meine 70 Jahre. Ich habe mich gefragt,
habe ich alles richtig gemacht? Woher komme ich, wo gehe ich hin und wie geht es dann weiter? Ich war ja hierzulande mehr oder weniger der Erste, der aus seiner Biografie heraus erzählt hat. Das ist der Vorteil als klassischer Chansonnier.

Was bedeutet eigentlich für Sie als Künstler ein Jahr Pandemie?

Die Auseinandersetzung mit dem Publikum fehlt. Außerdem ist da noch das riesige Kapitel „Geld zählen, das du nicht hast“. Dabei geht es um Existenz, Firma, Verantwortung für andere und mich selbst. Wir sind noch privilegiert, weil wir Hilfen bekommen haben. Aber für
Musiker, die von der Hand in den Mund leben, ist das der absolute Killer. Sehr viele um mich herum haben aufgehört.

Gab es für Sie auch positive Momente im letzten Jahr?

Wäre es nicht so traumatisch existenziell, müsste ich dankbar sein, weil alles runtergefahren ist. Ich bin zu mir gekommen.
Konnte Dinge aufarbeiten,
Bücher lesen. Gerade habe ich eine Leonard- Cohen-Phase. Und ich werde an meine Anfänge ge-lockt: Schauspielerei, Filme, Inhalt. Dafür ist die Zeit natürlich gut.

Sie waren ein erfolgreicher Schauspieler, bevor Sie als Musiker richtig bekannt wurden.
Haben Sie die Entscheidung für die Musik jemals bereut?

Ich würde gern wieder drehen. Aber die Bühnenarbeit war immer da. Ich erzähle sehr viel auf der Bühne, wobei der Schau-spieler den Sänger und Musiker trägt.
Das habe ich schon früh gemacht. Damit musste ich mich erst ein paar Jahre durchsetzen, weil das in den Siebzigern noch nicht so schick war. In Frankreich
gehörten der Sänger und der Schauspieler schon immer zusammen. Egal, ob bei
Charles Aznavour oder Jacques Brel.

Beide sind Ihre Vorbilder. Warum?

Bei ihnen fand ich nicht nur eine Vater-Ablösung, sondern Identität. Ein Selbstsein
im Lied. Ich kenne kein besseres
Wort dafür. Das fehlt mir oft in Deutschland. Musiker, die ihre Suche nach sich selbst zeigen.

Die Chansons von Jacques Brel ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihr Schaffen. Ihm haben Sie in den Neunzigern ein Musical gewidmet, im letzten Jahr ein Bühnenprogramm.
Wie sind Sie zu Brel gekommen?

Durch Zufall. Gegenüber vom Kempinski gab es ein Lokal, in dem dauernd Brel lief. Mein Französisch war nichts. Doch
diese Stimme von einem, der vorgab, ein Mann sein zu wollen und darunter so ein Junge war, fand ich unglaublich. Ich
wusste nicht, wer das ist. Habe aber entdeckt, dass man Lieder, die man nicht versteht, durchaus verstehen kann.

Wichtig in Ihren Liedern ist auch die Verbindung zu Berlin. Gab es keinen anderen Ort auf Ihren vielen Reisen, der Sie gereizt hat?

Paris und London fand ich immer toll. Letzten Endes hat es nicht sein sollen. Aber man muss ja auch mit ungestillten Träumen leben können. So eine Sehnsucht,
die nicht erfüllt wird, ist doch
herrlich.

Machen Sie jetzt mit Siebzig noch Pläne über das nächste Jahr hinaus?

Natürlich. Es gab sogar schon einen Arbeitstitel für das nächste Album. Der war aber total schrottig: „Hier“ oder
„Jetzt“. Klingt bestimmt auf Französisch besser. Ich denke, man sollte bis zum Schluss arbeiten, wenn man das gut findet.
Léo Ferré hat mit Mitte 60 noch
Konzerte von drei Stunden gegeben. Das muss man können. Schon rein physisch.
Brel meinte, man muss robust sein. Der fragile Typ fliegt aus dem Fenster. Mick Jagger ist da ein Wunder. Außerdem bin ich nach wie vor fasziniert vom
Theater, dem gesprochenen Wort, von Film und Musik. Das ist schon ganzschön viel. Genug, um damit Neunzig zu werden.
grand gtrs & basses, Ausgabe 1.2021:
Nichts geht über a-Moll!
Klaus Hoffmann
Es gibt diesen Video-Clip, in dem sich Klaus Hoffmanns liebster Flüsterer Jacques Brel in einer 60s-TV-Show-Revue auf der Akustischen in Ekstase spielt und singt. Dann aber, beim Bühnenabgang, fällt er so unglücklich, dass seine Gitarre in zwei Teile bricht. Welches Sinnbild: der Zerrissene mit einer Zerrissenen! Dem Berliner Chansonnier Hoffmann, der jüngst sein neues Album "Septemberherz" veröffentlichte, sind derlei Zwischenfälle zwar fremd. Seine Hingabe an die saitenbespannte Holzbox wäre aber durch sie nicht geschmälert worden.
Michael Loesl
Klaus Hoffmann über...
...Gitarrenunfälle: Die gab es nicht oft in meinem Leben. Einmal fiel ich in eine Akustische, weil ich nachts bei mir daheim aufwachte und nicht wusste, wo ich war. Meine Frau sagte mir, dass ich förmlich in ihr drinsaß. Im wahrsten Sinne des Wortes, am Arsch. Das war einer der identischsten Momente in meinem Leben, glaube ich, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich heraus aus der Gitarre oder weiter drinbleiben wollte.
...seine bewussteste Gitarre: Mein Stiefvater kaufte sie mir für 220 Mark in der Nürnberger Straße hier in Berlin. Damals machte ich eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann und klebte begeistert am Schaufenser dieses Musikinstrumentenladens. Meine Gier nach der Gitarre war unglaublich stark. Blöderweise kaufte ich mir dann eine 12-Saitige, die zwar schön laut war und meinen damaligen Mangel an gefundener Stimme mit ihrem Klangvolumen wettmachte. Aber sie war sehr schwer zu stimmen. Ungünstig für die Folk-Clubs, in denen ich anfänglich auftrat. Irgendwann klang sie in meinen Ohren wie eine Harfe. Ich habe die 12-String schließlich gegen eine Nylon-Gitarre eingetauscht. Überhaupt habe ich später jede immer gegen eine andere getauscht. Nur meine Taylor-Stahlsaitengitarre und eine japanische, die so tut, als ob sie eine spanische sei, habe ich behalten. Heute spiele ich hauptsächlich eine Gitarre aus Madrid, mit der für mich die Musik begann. Die Musik beginnt, glaube ich, mit ganz einfachen Instrumenten. Wie lässt es sich sonst erklären, dass der berühmte Sting immer wieder zu einer kleinen Holzgitarre greift, wenn er an ein Lied geht? Jedenfalls vermute ich das. Wahrscheinlich bekommt die Fantasie dadurch viel mehr Räume, als wenn die Gitarre viel Sound macht.
...E-Gitarren: Die habe ich mal gespielt, weil ich Hendrix verehrte, der mir mit seiner Selbstverlorenheit durchaus Angst machte. Er war wohl der Ergebenste seiner Gitarre. Ich mochte den Sound von Carlos Santana ebenfalls sehr, doch an der E-Gitarre fand ich meinen Ton nicht. Brel spielte ja auch Gitarre, eine Schlaggitarre, auf der er herumwirbelte wie ein professioneller Saitenspieler, um damit Eindruck bei den Mädels zu machen. Er brauchte das, er war sehr schüchtern und Jonny Hallyday kam damals gerade heraus.
...Naivität als Gitarrist: Ich habe einmal mit Til Brönner und seinen wunderbaren Jazzern in einem Konzert gespielt, die sich erst mal von mir nicht beeindrucken ließen. Irgendwann staunten sie jedoch darüber, daß ich es schaffte, sie immer wieder aus dem Konzept zu bringen, weil ich mich der Musik ganz naiv annäherte. Ich beziehe mich auf das Naive, das Einfache, was ich mir auch bewahren möchte, denn nichts geht über a-Moll! Mit a-Moll, E-Dur und d-Moll kommt man immer zurecht, wenn man etwas musikalisch erzählen will. Sollte man ausschreiten wollen, kann man sich noch eines Gs bedienen. Früher fand ich mich nie genug als Musiker. Heute lerne ich von Musikern wie Björk, die am Strand beim Spazieren in ihr Handy summt. Es beweist, dass Musikalität nicht zwangsläufig etwas mit spieltechnischem Know-how zu tun hat.
...wenn Berlin eine Gitarre wäre: Dann wäre sie eine Strat, deren Körper so aussieht, als ob du gerade die Reifen deines Autos damit gewechselt hättest. Voller Blessuren und Narben. Ich nähere mich manchmal dieser "Lederjacke" wieder an, bin dennoch vorsichtig, weil das ganz schnell zur Pose werden kann. So ist Berlin. Berlin ist aber vor allem, und besser kann man es eigentlich gar nicht sagen, die japanische Gitarre, die auf Spanisch macht. In deren Sound schlummert ein erdiger Ton, eben ein ungehobeltes Ding.
...die Gitarre als Sinnbild für Freiheit: Ich habe die Gipsy Kings immer bewundert, weil die ohne Rock'n´Roll-Posen ihre eigene Atmosphäre bauten, indem 12 Mann denselben Akkord spielten. Die Gitarre ist ja auch eine werbende, flehende, wütende, die manchmal die Gestale eines animalischen Tänzers annimmt, der das Weibchen locken will. Sie kann sehr laut werben und sehr intensiv und leise sein. Als ich mit der Gitarre aufwuchs, war sie noch nicht frei für mich. Sie wurde immer freier, je mehr ich auf ihr spielte und sie immer bei mir trug. Sie ist mein Lockvogel geblieben. Ich nannte sie mit 16 "die Blonde", was ja einiges über mich erklärt. Ich würde gerne in einem kleinen konzertanten Saal auf einem Hocker sitzen, während die Gitarre viel mehr über mich erzählt. Es gibt Typen, die in meiner Jugend Mädels mit der Gitarre anmachten. Für mich waren es Spanier, Machos, Männer in Posen. Brel sprach immer vom Spanier, der er gerne sein wollte. Im "Knokke-Les-Zoute-Tango" besingt er seine Schüchternheit und den Wunsch, ein anderer zu sein: die Gitarre als verlängerter Arm deiner Lust und Sehnsucht, bei einer Frau deiner Wahl anzukommen.
...das "Septemberherz": Es ist kein letztes Album, vielmehr ein Zwischenstand. Das Älterwerden fiel mir sehr schwer bisher. Nicht körperlich, wobei ich das auch merkte, sondern es ist das Akzeptieren des Alters. Vielleicht steckt deswegen diesmalo mehr Soul in der Musik der Platte, mehr Erde. Wenn man so will, ist "Septemberherz" Berliner Soul.
...vom Liedermacherzirkel befleckte Gitarren: Ich habe mir das Spielen schon von Hannes Wader und Reinhard Mey abgeschaut, wobei Hannes der Picking Player war. Reinhard kam aus dem Französischen und spielte an sich klassische Gitarre. Sanft und fein. Das Instrument war zu der Zeit noch nicht so stark mit Klischees besetzt. Sonst kannte ich nur die Gitarren der Beatles und die Stahlsaitenteile der Folk-Sänger, die schwer nachzuspielen waren, weil die Stege und Saiten auf Stahlsaitengitarren schrecklich hoch waren. Aber in den Jugendheimen spielte man solche. Ich hörte Van Morrison und kaufte mir eine Taylor.
..."The Wind Cries Mary": Das war für mich eines der traurigsten Gitarrenlieder in meiner Pubertät. Alle verarbeiteten in dieser Zeit ihre verklemmten Anteile. Es waren ja die 60er und wir lebten buchstäblich in Schwarz, der inneren Opposition zum spießigen Umfeld wegen. Hendrix war der, der aus der Einsamkeit kam, er klebte förmlich an der Gitarre, er verschmolz mit ihr. Seine Posen waren die eines Sterbenden, sein Ton war die Fanfare der Trauer und der Leidenschaft. Er war ohne das Instrument gar nicht denkbar. Für mich hingegen war die Gitarre mein stiller, oft schüchterner Begleiter und die Frau an meiner Seite, die ich im Verborgenen hielt. Und wenn ich sie dann streichelte und ein erstes Lied erklang, fühlte ich mich nicht mehr allein.
Fernsehwoche Nr. 3 von 15. Januar 2021
Was wir vom Leben lernen können. „Zu träumen ist wichtiger denn je“
Prominente verraten die vier Lebensregeln, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Diesmal: Sänger Klaus Hoffmann (69)
Die Vorteile des Älterwerdens sind, dass man gelassener wird und dass man mehr Unsinn reden darf und nicht gleich dafür bestraft wird. Und man fängt an, noch mehr über das Leben nachzudenken...
Träume sind ganz wichtig.
Seit ich Kind war, bin ich mit Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten aufgewachsen. Auch wenn sie nicht erfüllbar sind, können sie einen immer wieder am Leben erhalten. Zu träumen und auch mal herumzuspinnen, ist heute wichtiger denn je. Der Schriftsteller Marquez hat kurz vor seinem Tod mal gesagt, dass er nicht genug geträumt habe. Kunst und Kultur sind dafür ja ganz besonders da.
Gib nie auf.
Und: Aufstehen, immer wieder aufstehen. Das hat meine Mutter, die ein sehr starker, auch sich selbst gegenüber strenger Mensch war, immer gesagt. Das war das Credo der Trümmerfrauen in Berlin damals.
Die Zeit gehört der Zärtlichkeit.
Das ist ein provokanter Titel suf meinem neuen Album „Septemberherz“, an das ich in letzter Zeit oft denken muss. Die Zeile springt einen an, gerade in diesen harten Zeiten. Es geht darum, die Zärtlichkeit bei sich selbst und anderen zu finden, das heißt, zusammenzufinden, was uns trennte.
Bewegung macht den Kopf leer.
Sting hat mal gesagt, er muss jeden Tag zwei Stunden richtig ausschreiten. Der Begriff gefällt mir, und es stimmt: Jeden Tag zwei Stunden gehen, damit der Kopf leerer wird und du rauskriegst, wer du bist und wer die anderen sind. Rausgehen aus seinem eigenen Aufnahmegerät, rausgehen aus der eigenen Klammer. Das sind schon Dinge, die mich zum Guten hinbewegen. Weiter gehen, mit dem Leben.
Schlagerprofis - 07.12.2020
Schlager-News, CD-Rezension
Klaus Hoffmann: "Septemberherz" in der Schlagerprofis-Rezension
Schlagerprofis
07.12.2020

Schlager-News
Klaus Hoffmann: Septemberherz in der Schlagerprofis-Rezension

Im November legte Klaus Hoffmann sein neues Studioalbum "Septemberherz" vor. Eine gelungene und berührende Mischung aus Melancholie, politischem Bekenntnis und nach vorne gehenden Popsongs.

Das Album beginnt gleich mit großem Besteck: "Meine Chance" ist eine symphonische Ballade in Es-Dur mit großen Streicherarrangements. Es geht um die Chance des neuen Morgens mit der Partnerin. Oft nimmt sich der Sänger hörbar zurück, um den Streichern mehr Raum zu geben.
Ungewöhnlich deutlich positioniert sich Hoffmann fünf Jahre nach ANGELA MERKELs wichtigem Satz "Wir schaffen das!" zur Flüchtlingspolitik. Ein eindringlicher Appell für Toleranz und kulturelle Vielfalt, der von Hoffnungen und Ängsten der Geflüchteten im "Gelobten Land" Deutschland erzählt. Hier stehen Hoffmann und seine Gitarre im Vordergrund, werden jedoch von Schlagzeug und Streichern unterstützt.

"Wenn ich dich anseh" ist ein echter HOFFMANN: musikalisch auf seine Bandbesetzung reduziert, erzählt die Ballade von einer langen Liebe und wird nostalgisch. Eines der musikalisch wie textlich leicht zugänglichen Lieder mit einer Modulation von Es- nach E-Dur.

"Die Zeit gehört den Zärtlichen" ist ein herrlich beschwingtes Lied in der Hoffnungstonart D-Dur mit einer wunderbar eingesetzen Trompete.

1969 schrieb der französische Chansonnier Michel Legrands die Steicherballade "Les moulins de mon coeur" (zu deutsch: "Die Gletschermühle meines Herzens"). KLAUS HOFFMANN konzentriert seine Übertragung "Wie sich Flügel drehn im Wind" auf Gesang und Stimme. Damit nimmt er dem Arrangement das Butterweiche und rückt die Melancholie in den Fokus.
Erst zum Schluss fügt er sanfte Streicher hinzu. Er singt das Lied einen Halbton tiefer als im französischen Original (F-Moll).

Melancholisch wird es mit "Du wirst die Eine sein". Es geht um eine Liebe, der sich der Erzähler immer schon bewusst war. Er wünscht sich, mit ihr über die Dunkelheit zu siegen und nie mehr allein zu sein. Auch dieses Lied ist für KLAUS HOFFMANNS Band arrangiert und mit der Tonart C-Dur vergleichsweise einfach gestaltet. Im Refrain hellt sich die Stimmung auf und Hoffmanns Stimme wird gedoppelt.

Was wäre ein Album von KLAUS HOFFMANN ohne eine Erinnerung an seine Kindheit in Berlin? In "Und ich weiß nicht, ob's vorbei ist" mischen sich Erinnerungen an Kinobesuche und erste Begegnungen mit dem anderen Geschlecht mit Gegenwartserlebnissen wie dem Erkanntwerden auf der Straße.

Das überraschendste Lied dieses Albums ist "Basta". Ein nach vorne gehender, treibender Popsong, den man live hören will. "Basta" ist ein flammendes Plädoyer gegen Rechts, Hass und rückwärtsgewandtes Denken.

Die Ballade "Ich glaube" erzählt von der Macht der Träume und Werten wie Toleranz. Auch hier stellt sich der Sänger deutlich gegen Nationalismus.

"Asi es la vida" ist das einzige Duett auf diesem Album. Er singt es Zeile für Zeile gemeinsam mit seiner Tochter LAURA KUNO. Das Lied soll Vater und Tochter, die sich selten sehen, miteinander verbinden und ist ganz auf Gesang und Gitarre fokussiert.

"Ich kenne Dich" - noch ein Berlin-Lied, doch hier wird Berlin als Geliebte beschrieben, die dem Dichter nichts mehr vormachen, von der er aber auch nicht lassen kann. Der musikalische Aufbau ist hier besonders gelungen: In G-Moll gehalten, fängt der Song zunächst recht unspektakulär an, entwickelt sich dann immer packender, wozu besonders die Bläsereinwürfe beitragen.

"Dein Gesicht" ist dem Musikverleger ROLF BUDDE gewidmet, der bereits im April 2018 nach schwerer Krankheit starb. KLAUS HOFFMANN spricht den Freund direkt an und erzählt davon, wie er ihn motiviert habe, Lieder über Berlin zu schreiben.

Ähnlich melancholisch klingt das Album nun aus. Der in E-Moll gehaltene Titelsong "Septemberherz" erzählt von der Vergänglichkeit des Lebens, endet jedoch hoffnungsvoll mit der Zeile "Es ist noch Zeit!"

"Ich würd es wieder tun" erzählt vom Lampenfieber vor dem großen Auftritt, aber auch vom Selbstvertrauen und der Freude, auf der Bühne zu stehen.

KLAUS HOFFMANN ist mit "Septemberherz" ein abwechslungsreiches, berührendes, melancholisches und zugleich optimistisches Album gelungen. Manche Texte brauchen ihre Zeit, bis sie sich entschlüsseln, doch der Sänger überrascht mit ungewöhnlich politischen Statements und erstaunlich wenigen Rückblicken auf seine Kindheit.
Seinen in seiner Autobiografie und seinen Konzerten eigentlich immer präsenten Vater macht er diesmal nicht zum Thema, was das Album lebensfreudiger macht. Dieses Album ist nicht nur etwas für eingefleischte Fans des Sängers oder des Genres Liedermacher, sondern für alle, die sich nach guten Texten und abwechslungsreichen Arrangements sehnen.
Freies Wort, Südthüringer Zeitung, FW Meininger Tageblatt, 27.11.2020
Neues Album
Lieder eines
Rastlosen
Dieses Album ist eine Ode an das
Leben, der Künstler ein Multitalent,
das seinesgleichen sucht: Der Berli-
ner Liedermacher Klaus Hoffmann
nimmt auf seinem gerade erschiene-
nen neuen Album „Septemberherz“
den Zuhörer in fünfzehn wunderba-
ren Chansons mit auf Reisen. Es
sind Wege zu sich selbst und durchs
Leben, durch die Welt und in ein
Stück Normalität, das derzeit so vie-
len aus unterschiedlichsten Grün-
den abhanden gekommen scheint.
Melancholie und Zukunftsgewiss-
heit treffen dabei in wunderbarer
Weise aufeinander. Dazu gesellt sich
tiefgründiger Humor, der keine Zo-
ten braucht.
Hoffmanns Stimme ist zeitlos
– auch wenn der Mann im kom-
menden Jahr seinen 70. Geburtstag
feiern wird. Kritiker mögen ihn für
ein Stück des alten Westberlin hal-
ten – ihn ficht solches nicht an,
denn er war, ist und bleibt sich treu.
Beleg dafür mag das Chanson „Dein
Gesicht“ sein, das die mehr oder
weniger wiedervereinte Metropole
zwischen all ihrer Befremdlichkeit
und den kleinen Dingen des Alltags
treffend skizziert. Der Schauspieler,
Sänger und wahrscheinlich maßlose
Romantiker Klaus Hoffmann ist ein
Beobachter, der mitdenkt und eine
klare Meinung hat. Er muss sich
nichts beweisen und selbstredend
auch nicht über jedes Stöckchen
hüpfen. Er ist erfahren, ruht im bes-
ten Sinne in sich. Und doch kommt
Klaus Hoffmann niemals weise, gar
abgeklärt oder belehrend daher.
Dazu hat er viel zu viel Leiden-
schaft, Herzblut, Klasse.
Klaus Hoffmann erzählt Geschich-
ten, die zu erzählen sich lohnt.
Nicht nur, aber gerade auch in Zei-
ten wie diesen. Die Arrangements
sind flott, atemberaubend – und
doch nie überladen.
Ein kräftiger Hauch von Lateiname-
rika weht über das Album, das im-
mer wieder auch mit Folk-Klängen,
Jazz und Pop-Elementen überrascht.
Leicht und dennoch raffiniert trifft
Klaus Hoffmann nicht nur musika-
lisch den Ton. Seine Stimme ist da-
bei wenigstens so großartig wie die
Texte: „Nie vorbei/ ich freu mich
auf den nächsten Mai/ ich freu
mich auf den Sommer, noch ist
nichts vorbei/ ich freu mich drauf,
so wie jedes Jahr/ in meinem Her-
zen ist kein graues Haar.“
Das Liebeslied „Wie Flügel drehn im
Wind“ berührt zutiefst, im finalen
Song „Ich würd es wieder tun“ setzt
er einen hymnischen, beinahe
schon pompösen Schlusspunkt für
ein Album, das zweifelsohne das
Zeug dazu hat, nicht im Regal zu
verstauben, sondern unaufhörlich
das Leben zu feiern. all
Klaus Hoffmann: „September-
herz“ ist Anfang November er-
schienen und überall im Handel
verfügbar.
Saarbrücker Zeitung, 25.11.2020:
Interview mit Klaus Hoffmann, für den das Saarland so etwas wie "ein Nest" ist.
Der Musiker über sein Jahr 2020 unter Corona, sein geplantes Saarbrücker Konzert, das Altern - und die sogenannten Querdenker.
"Die Leute entzünden sich radikal"
Von Tobias Kessler
Redakteur Kultur
Klaus Hoffmann ist ein Mann der meist leisen Töne – und ein regelmäßiger Gast im Saarland. Der 69-jährige Musiker, Autor und große Jacques-Brel-Fan, der als Schauspieler 1976 mit „Die neuen Leiden des jungen W.“ bekannt wurde, hat ein neues Album vorgelegt: „Septemberherz“ mit manchmal melancholischen, oft romantischen Chansons – und einer deutschen Fassung von Michel Legrands Klassiker „Windmills of Your Mind“. Für den März ist eine Tournee vorgesehen.
Herr Hoffmann, für den kommenden März haben Sie eine Tournee geplant, für den 18. März ein Konzert in der Congresshalle in Saarbrücken. Wie optimistisch sind Sie, dass das stattfinden kann?
HOFFMANN Ich hoffe sehr darauf und halte das auch für realistisch. Wir befinden uns ja in einem langen Tunnel des „Was geht – was geht nicht – was ist erlaubt?“. Und gerade jetzt geht durch den Lockdown gar nichts. Aber wir müssen einfach hoffen, dass das klappt, und Geduld haben. Ich brauche die Bühne, meine Leute, mein Publikum – ich muss atmen, zur Not auch mit Maske. Und das Saarland ist ja ein Nest für mich, zu den Konzerten kommen dort immer fast so viele Leute wie in Berlin. Warum, weiß ich auch nicht.
Wie war dieses Corona-Jahr bisher für Sie?
HOFFMANN Seit Januar war ich mit dem Album beschäftigt. Ich war vor allem zu Hause, das ist ja eigentlich ganz gut, aber man wird ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Da kamen bei mir ganz viele alte persönliche Geschichten hoch, die ich so erlebt habe, auch als Kind. Zugleich kamen aber Sorgen um die Gesundheit und das Geld – Gaukler müssen ja auch essen – das war schon ziemlich stürmisch. Das alles floss irgendwie in das Album hinein. Bei der Produktion musste ich viel kommunizieren mit meinen Musikern, die nach den ersten gemeinsamen Studio-Aufnahmen ja völlig verstreut waren, zwischen München und London. Da hing ich wie ein Nerd endlos vor dem PC. Das war eine sehr dichte Zeit – wenn diese Zeit irgendwann mal vorbei ist, wird es eine unvergessliche bleiben.
Auch für die Kulturschaffenden ist es eine schwierige Zeit mit geschlossenen Theatern, Kinos, Museen und Konzertorten. Es gibt viele Vorwürfe an die Politik, dass sie zu schnell Kultureinrichtungen schließt und unzureichend unterstützt. Sehen Sie das auch so?
HOFFMANN Es hängt ja immer von den einzelnen Menschen ab, es gibt Gipsköpfe und es gibt Leute mit Weitblick. Ich finde, dass die Politik das generell gut macht – ich möchte in dieser Situation da nicht gerne am Hebel sitzen. Ich habe im Mai hier in Berlin in der „Bar jeder Vernunft“ kleine Konzerte mit meinem Jacques-Brel-Konzert gegeben, da wurde viel getan, dass das in dieser Situation überhaupt möglich ist. Und ich hatte das Glück, da gefördert worden zu sein. Diejenigen, denen die Pleite droht, brauchen unsere Solidarität.
Musiker Till Brönner hat in einem viel beachteten Aufruf vor dem Versanden der Kulturlandschaft gewarnt.
HOFFMANN Was Till gemacht hat, fand ich sehr lobenswert. Der Hinweis, dass wir Gefahr laufen, die Kultur zu verlieren und seelenlos zu werden, ist dringend vonnöten. Sonst ist der Kulturbeutel bald leer. Ich schwanke da immer zwischen Hoffnung und Niedergeschlagenheit.

Letztere muss man auch bekommen, wenn man sich Begleitsymptome der Pandemie anschaut wie die Demos der sogenannten Querdenker, oder?
HOFFMANN Ja, das ist bedrohlich – aber ich glaube, dass wir ein sehr starkes Land sind, das so etwas auffangen kann. Schauen Sie sich mal die AfD an: Die ist zwar auch gefährlich, schießt sich aber gerade selbst ins Knie. Aber mit dem Ganzen müssen wir uns auseinandersetzen und Grenzen setzen. Man kann ja nicht einfach nur zuschauen, wenn so viel Schwachsinn auf den Straßen unterwegs ist. Ich habe meine Lieder nie als Instrument von politischen Botschaften gesehen – aber jetzt, mit fast 70, sehe ich, dass da schon Botschaften drin sind.
Auf dem neuen Album sehr deutlich im Stück „Basta“ mit Zeilen wie „Mein Bruder Joshua/ trägt die Kippa nur noch heimlich/ an seiner Tür lädt auch kein Name ein“ oder „Der Hass hat ein kluges Gesicht/ passt sich an, reicht Dir die Hände“?
HOFFMANN Ich musste dazu etwas schreiben, weil man dieses Hass-Moment politisch ja gar nicht mehr erklären kann. Es ist Verwirrung, es ist Dummheit, es ist auch immer wieder eine Weigerung, sich auf die Idee einer Gemeinschaft einzulassen. Leute entzünden sich radikal, siehe auch Amerika. Da springen jetzt wahnsinnig viele Leute wieder auf den Zug von Trump auf, weil sie die Wahrheit einfach nicht sehen. Ich weiß nicht, wie man an diese Leute rankommt. Vielleicht nur durch Auseinandersetzung. Das ist meine Politik – dass ich Menschen mit meiner Musik und meinen Worten erreichen will. Man muss sich entscheiden, dem Hass entgegenzutreten, und zugleich diese alten Begriffe, die vielen ja schon gar nicht mehr gefallen – Glaube, Liebe, Hoffnung – wieder ins Spiel bringen. Über diese Wertigkeit muss jeder neu für sich entscheiden.

Beim ersten Lockdown kam ja die Hypothese auf, nach der großen Krise wären wir alle bessere Menschen, würden mehr an die Umwelt denken, dem Kapitalismus Adieu sagen. Ich habe da große Zweifel – Sie auch?
HOFFMANN Man kann das ja letztlich nur für sich selbst entscheiden, ob man diesen Hoffnungsschimmer wahrnehmen will oder nicht. Ich glaube, alles wird danach so anders sein, wie wir es uns überhaupt nicht vorstellen können. Die Pandemie verändert die Welt und zeigt uns Dinge, die vorher schon da waren, aber gerne übersehen wurden: die Überbelastung der Pflegesysteme etwa. Ich weiß nicht, wann es ein Danach geben wird. Bisher sind wir ja, relativ gesehen, gut durchgekommen, wenn man etwa an die Spanische Grippe denkt, die die Menschen vor uns erlebt haben. 
Ist das Thema Corona in die Texte des Albums eingeflossen?
HOFFMANN Nein, Corona-Lieder oder so etwas sind das überhaupt nicht. Ich mag das nicht, solche „Wir sind noch da“-Lieder. Mir fiel dieses Wort „Septemberherz“ ein, und ich dachte – was ist das denn? Das Thema Zeit hängt über dem ganzen Album. Wieviel hat man noch? Was macht man damit? Wo geht man hin? Ich habe das fertige Stück der Tochter des Wirtes eines Ristorantes, wo ich immer gerne hingehe, vorgespielt. Sie ist so Mitte 20, Lucia heißt sie, und sie sagte mir, dass ihr die letzte Zeile am besten gefallen hat: „Es ist noch Zeit“.

HOFFMANN Die Zahl nicht, aber der Gedanke an die Endlichkeit – aber den hatte ich schon mit zehn, als mein Vater starb. Danach hatte ich immer am meisten Angst davor, mich von jemandem zu verabschieden. Man verabschiedet sich ja ein ganzes Leben lang. In Deutschland redet man nicht so viel vom Tod, es ist ein Grenzthema, aber dieses Virus spült im Moment ja alles nach oben. Vielleicht bietet das auch die Chance, sich damit zu beschäftigen, dass wir eben nicht ewig da sind. Ich denke da nicht jeden Tag dran, denn mein Körper ist Ok und ich bin gesund, aber ich bereite mich schon innerlich vor, dass ich das in zehn Jahren vielleicht anders sehe.
Auf dem Album singen Sie auch ein Duett mit Ihrer Tochter Laura – wie kam es dazu?
HOFFMANN Sie kam mich besuchen aus Spanien, wo sie lebt und wo jetzt alles geschlossen ist. Wir saßen bei mir in der Küche, und ich wollte etwas für uns machen. Wir waren früher ja nicht viel zusammen, ich habe da nicht die besten Erinnerungen, weil wir viel getrennt waren. Ich habe das Stück „Así es la vida“ geschrieben, dann sind wir sofort ins Studio gegangen. Jetzt ist das Stück so etwas wie der Lichtblick auf der Platte. Jetzt sind wir zusammen, obwohl wir räumlich nicht zusammen sind. Es ist wie eine innere Umarmung.

Klaus Hoffmann: Septemberherz
(Stille Musik / Indigo).
Konzert: 18. März 2021, Congresshalle Saarbrücken. Karten: www.eventim.de
Info: www.klaus-hoffmann.com
rolling stone 12. November 2020
Spazierfahrt auf der Straße der Erinnerung
JÖRN SCHLÜTER
Klaus Hoffmann, Septemberherz

Wenige deutsche Liedermacher haben ihrer Frankophilie derart leidenschaftlich Ausdruck verliehen wie Klaus Hoffmann. So ist es nur folgerichtig, wenn sein neuer Reigen von „Wie sich Flügel drehn im Wind“ gekrönt
wird, Hoffmanns Version von Michel Legrands zigfach inter-pretiertem Chanson „Les moulins de mon coeur“. Auch in seinen eigenen Stücken wirkt die alte Melancholie intakt.
Hier und da macht sich zu viel
routinierte Eleganz breit. „Und ich weiß nicht, ob’s vorbei ist“ verbindet Heimkehr und Abschied, Eros und Thanatos. Hoffmanns Lieder sind die Glücksmomente der Vergangenheit. „In meinem Herzen ist kein graues Haar“, heißt es im Titelsong. Dass er
ein Septemberherz hat – das haben wir immer schon gewusst.
Neue Osnabrücker Nachrichten, 8. November 2020:
ON-Interview mit dem Sänger und Songschreiber Klaus Hoffmann über Corona, Sehnsucht, Liebe, die 70 und sein Album "Septemberherz"
Künstler nicht als systemirrelevante Eckensteher sehen
Berliner Morgenpost, 06.11.2020
"Septemberherz im November"
Liedermacher Klaus Hoffmann hat ein neues Album veröffentlicht. Mit viel Herbstmelancholie und einem Rückblick zum 70. Geburts-tag im kommenden Jahr
Klaus Hoffmann wurde in Berlin geboren. Seit seinem ersten Album 1975 verewigt er seine Heimatstadt immer wieder auch in seinen Liedern.
ANNIKA SCHÖNSTÄDT
Klaus Hoffmann hat ein neues Album veröffentlicht. Verlässlich zwei Jahre nach dem Vorgänger „Aquamarin“ ist in
dieser Woche „Septemberherz“ erschienen.
Seit 1975 geht das so. Auf Studioalbum folgt Livealbum folgt Studioalbum.
Der gebürtige Charlottenburger ist im Lebenssoundtrack der Deutschen – und insbesondere der Berliner – eine Konstante.
Er begleitet ihre Empfindsam-keiten mit Musik, singt von seiner Heimatstadt,dem Getrennt- und Wiedervereintsein, der Vergänglichkeit, der Liebe
und immer wieder von seiner Kindheit.„Im Grunde erzähle ich meine Geschichte immer wieder. Sicher in anderen Kreisen,
aber die Geschichte fängt immer bei mir als Kind an“, sagt er auch jetzt über sein jüngstes Werk.
Klaus Hoffmann kam 1951 als einziges Kind eines Finanzbe-amten und einer Fabrikarbeiter-in zur Welt. Aufgewachsen ist er an der Kaiser-Friedrich-Straße
3a in Charlottenburg. Ein graues Haus, sagt er. Dort habe er als Kind immer gestanden und auf die Straße geschaut. „Mein Vater starb, da war ich zehn. Er war sehr krank, er kam aus dem Krieg. Dann die strenge, starke Mutter. Sie wurde sehr alt“, erzählt Hoffmann das gewordene Drama seiner frühen Kindheit,
ohne dass man ihn danach fragen
muss. Der Vater sei kalt gewesen, habe kaum mit ihm ge-sprochen. Zuflucht und Wärme habe er erst in der Luisenkirche um die Ecke gefunden, bei einem Pfarrer, den er mochte, ohne dass er vorher gewusst habe,dass er Religiosität überhaupt in sich trug. Später in der Musik und Schauspielerei. Neben einer Ausbildung zum Großhandelskauf-mann für Stahl und Eisen trat Hoffmann schon als Jugendlicher in Berliner Kneipen auf.
Von 1970 bis 1974 studierte er an der Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel. Das ewige Annähern
an die eigene Geschichte „Man muss das Lied finden, das man
noch nie geschrieben hat“, sagt Hoffmann. Und deshalb hat er auf „Septemberherz“ alles noch einmal neu aufgerollt:
Vater, Mutter, Kind, Suche, Sehnsucht, Liebe. Das ewige An-nähern an die eigene Geschichte in verschiedenen Spiralen und aus unterschiedlichen Perspek-tiven und Lebensphasen nennt er
diesen Prozess. „Ich wollte ein ganz pures Album machen“, sagt er über den aktuellen Versuch und relativiert sich dann sofort selbst. Hinten gebe es schließlich auch ein paar Schmonzetten mit Glanz. Und auch die haben ihre Berechtigung.
Den Titel habe er schon lange mit sich herumgetragen und dann eben ein Album dazu schreiben müssen, sagt Klaus Hoffmann. Ein Vertrag mit sich selbst, manisch den Worten hinterher.
Dass „Septemberherz“ nun im November erschienen ist, habe keinen besonderen Grund. Hauptsache Herbst, findet Hoffmann. Das passe zur Stimmung.
Denn dieses Mal ist alles noch ein bisschen dramatischer. Hoffmann wird im kommenden März 70 Jahre alt. Und natürlich macht das etwas mit einem
Melancholiker wie ihm. Die eigene Endlichkeit sei ihm gerade besonders bewusst. Dabei fühle er sich doch eigentlich
noch jung. „In meinem Herzen ist
kein graues Haar“, singt er im Titelsong. Und „Es ist noch Zeit“. Aber wenn nicht? Immerhin habe er noch Leidenschaft und Stimme, das bescheinigt sich Klaus Hoffmann selbst. Und das sei doch das Wichtigste für einen Sänger, „auch wenn es dann klingt wie die Knef“. Trotzdem gehöre er in seinem Alter
aktuell zu einer Risikogruppe, das lasse sich nicht leugnen. Denn zu aller Schwermut kommt nun auch noch die Corona-Krise hinzu, die Hoffmann und seinen Berufsstand besonders hart trifft.
Erst neulich sei er im Kino gewesen, erzählt er. Im neuen Film mit Isabelle Huppert, die er verehre. Nur ein paar andere
Zuschauer seien mit ihm dort gewesen. Ist das jetzt das finale Sterben der Kiezkinos? „Ich habe Angst, dass wir ein
bisschen seelenlos werden“, sagt Hoffmann. „Wir müssen sehen, dass sich die Kunst erhält. Dass wir nicht blöde werden.“
Denn eine weitere Konstante im
Leben von Klaus Hoffmann und seinen Fans ist auch, dass der Liedermacher nach jedem Album auf Tour geht. Geplant ist das auch dieses Mal. Am 23. März 2021 – drei Tage vor seinem Geburtstag – will Hoffmann nach neun Konzerten in der Berliner Philharmonie enden. Ob die Auftritte wirklich stattfinden
können, steht derzeit noch in den Sternen. Er werde auch vor wenigen Menschen spielen, sagt Hoffmann. Das sei dann wie früher mit 16 in der Kneipe.
Erst am Wochenende vor dem zweiten Lockdown habe er das bei einigen Auftritten geprobt. Oder bei seinen Brel- Abenden in der Bar jeder Vernunft. Nur ganz ohne Publikum, das kommt für ihn nicht in Frage. „Da muss jemand
sein, der atmet“, findet er. Als Künstler brauche er das Publikum, auch um sich sich selbst zu vergewissern. „Ich lebe davon, über mich zu erzählen. Ich bin ein
bisschen der Geograf meiner Geschichte. Sänger wollen gehört und gesehen werden.“
Gleichzeitig sei er noch immer nervös, wenn er mit einem neuen Album an die Öffentlichkeit trete. „Ich bin immer
mit Lampenfieber unterwegs. Obwohl ich das schon so lange mache, habe ich jedes Mal wie als Beginner die gleichen Gefühle.“ Während des Entstehens höre er die eigenen Songs in Dauerschleife im Auto und sei dann ganz besoffen von sich
selbst. Irgendwann höre das auf und der kritische Blick bahne sich seinen Weg. „Ich muss auf der Bühne erst merken, dass die Menschen mich annehmen, so
wie ich bin. Aber nach einer Zeit lässt das nach. Man prüft nicht mehr nach, der Augenblick
zählt.“ Dieses Mal hat Klaus Hoffmann sein Album vorab der Tochter eines Bekannten
zum Hören gegeben, sie ist Anfang 20. Herausfinden, ob sie wohl etwas anfangen könne mit dieser „Greisenmusik“,
ob er noch einmal die Kurve gekriegt habe. Den Song „Asi es la Vida“ hat er außerdem mit seiner Tochter eingesungen und schlägt damit den Bogen
zur nächsten Generation. Der letzte Song auf dem Album heißt übrigens „Ich würde es wieder tun“. Das neue Album ist also schon in Arbeit? Klaus Hoffmann lacht. Es ist doch noch Zeit, oder?
Mannheimer Morgen, 5. November 2020
Klaus Hoffmann veröffentlicht das Studioalbum "Septemberherz" und sorgt sich um Kultur in Corona-Zeiten
"Ich bin ein Kindskopf, wirklich"
Von Michaela Roßner
Er gilt als der legitime deutsche Interpret
von Jacques Brels Liedern, betört sein oft seit Jahrzehnten treues Publikum mit einfühlsamen
Chansons: Klaus Hoffmann ist vor allem ein musikalischer Geschichtenerzähler.
Am 6. November erscheint sein Studioalbum „Septemberherz“, das 54. Album insgesamt.

Herr Hoffmann, Sie haben sich gerade mit einem Appell zum Lockdown zu Wort gemeldet. Warum?
Klaus Hoffmann: Wenn die Bahnen fahren, Kirchen offenbleiben für jedermann – warum nicht auch Theater, Konzertsäle und Kinos? Hier
wurde schon massiv in Hygienevorkehrungen
investiert! Wir hatten gerade zwei Konzerte, und das ist sehr gut gelaufen. Wir müssen aufpassen,
dass wir die Kultur nicht an den Rand schippern. Wenn ich höre, dass wir dem Freizeitbereich zugeordnet werden oder den Bordellbetrieben,
tut mir das sehr weh. Denn dann wird es irgend-wann willenlos.

Wie geht es einem Künstler ohne Publikum?
Hoffmann: Wir sind nervös. Ich war gerade bei meiner medizinischen Fußpflege. Und die meckerte auch über die neuen Einschränkungen.
Man muss da genau zuhören. Ich beobachte
viel, gehe sehr oft an die frische Luft. Es kommen aber auch alte Kinderängste hoch: Als mein Vater
starb, war ich zehn Jahre alt. Wir hatten kein Geld, Mutter war sehr stark. Es prallten einige Dinge aufeinander. Die Erinnerungen haben sich
vor einem halben Jahr wieder an die Oberfläche geschwemmt bei mir: wieder eine unkontrollier-bare Gefahr. Inzwischen sehe ich das wieder
etwas fester.

Wie wurde das Album produziert?
Hoffmann: Es ist übrigens das beste Album, das müssen Sie schreiben. Das sage ich immer – aber diesmal stimmt es. Mit meiner Band waren
wir in einem sehr kleinen Studio hier in Charlottenburg. Dann kam der Lockdown. Die Streicher konnten alsGruppe gar nicht kommen. Die Bläser waren in London. Ich habe viel Zeit am Computer verbracht. Am Ende ist etwas sehr Konzentriertes entstanden.

Das Album erzählt viel von Abschieden: „Denk ich an mich mein Leben“ ist ein Beispiel dafür.
Hoffmann: Das brauche ich jetzt. Man wird einfach endlicher – und das ist gut. Das Leben bleibt magisch im Sinne von: Wo geht es denn hin? „Denk ich an Dich mein Leben“ gerät
witzig, weil ich es mit Swing auf den Kopf stelle. Ich habe das Album der Tochter meines Lieblingsitalieners Francesco gegeben. Sie ist 20.
„Kannst Du Dir das Zeug mal anhören – bis zum Ende“, habe ich sie gebeten. Sie sagte: „Das Beste ist, dass Du in einem Lied singst: Es ist noch Zeit.“ Das fand ich für eine Zwanzigjährige ziemlich erstaunlich. Sie hatte verstanden, worum es geht.

Sie singen zum ersten Mal mit Laura, Ihrer Tochter. Wie kam’s?
Hoffmann: Sie wird 40, lebt in Spanien und hat uns für ein paar Tage besucht. Eigentlich wollte ich nur mit ihr durch den Park gehen und reden.
Aber dann habe ich „Asi es la vida“ für
uns geschrieben. Laura ist keine professionelle
Musikerin, was die Sache für mich leichter und schwieriger zugleich machte. Sie singt das mit einer wunderbaren, unprätentiösen Stimme. An manchen Stellen geht sie richtig ran an den Song. Das hat mir sehr gut gefallen – die Leute mögen es übrigens sehr.

Sie werden Ende März 70 Jahre alt.
Passt dieses Alter zu Ihnen?
Hoffmann: An sich nicht. Ich gebe mir größte Mühe, es zu kapieren. Mit Wehmut – aber nur wegen der Endlichkeit. Sonst, wenn der Körper mitmacht – und ich sehe noch leidlich aus und kann noch singen – mache ich weiter, wenn ich darf. Ich bin ein Kindskopf, wirklich. Ich gebe mir nur Mühe, jetzt reif zu wirken.

Wie verbringen Sie den Geburtstag?
Hoffmann: Geplant ist für März eine Tournee, die im Kieler Schloss beginnt und in Berlin in der Philharmonie endet. Aber es ist ja alles ungewiss.
Wenn es wieder einen Lockdown gibt, packe ich meine Koffer und fahre mit Malene nach Griechenland. Ende.

Von Michaela Roßner
Ein einziges Lied auf dem Album haben nicht Sie geschrieben, sondern Michel Legrand:
„Windmills Of Your Mind“ – „Wie sich Flügel drehn im Wind“. Gibt es eine Geschichte zu Ihnen
und dem Lied?
Hoffmann: Es ist das erste Lied in meinem Leben, bei dem ich richtig hingehört habe, mit 14 oder 15 Jahren. Ein schwieriges Lied. Ich habe es leidlich übersetzt, ein bisschen trocken vielleicht. Das Stück ist harter Tobak, erzählt die Situation
zweier Liebenden, die nicht wissen, wie es weiter geht. Die härteste Zeile ist: „Ich sehe den Herbst in Deinen Haaren“. Das Schlimme ist, dass er
so viel zu sagen verpasst hat. Das Lied stammt aus dem Film „Thomas Crown ist nicht zu fassen“
(1968)mit Steve McQueen und Faye Dunaway. Es ist ein Verliererlied –letzten Endes.
Hamburger Abendblatt: Der Berliner Chansonnier Klaus Hoffmann über sein Album "Septemberherz", sein Lampenfieber und einen wichtigen Tipp von Joan Baez
"Ich singe, um die Angst zu überwinden"
Tino Lange
Sofa, Hausschuhe, Lesebrille, Klaus Hoffmann hat es sich es sich auf dem Cover seines neuen Albums "Septemberherz" gemütlich gemacht. Dabei hält den Berliner Chansonnier wenig zu Hause, auch in Corona-Zeiten. In Hamburg ist er gern, hier liegen alte Wirkungsstätten wie das Thalia Theater und neue wie die Elbphilharmonie, wo am 16. März ein Konzert geplant ist. Doch die Zukunft ist ungewisser denn je, was auch Hoffmann beim Gespräch im Hamburger Büro der Karsten Jahnke Konzertdirektion betrübt. Aber am Ende wird bei ihm alles ein Lied.

Hamburger Abendblatt: Herr Hoffmann,
bei vielen Ihrer Alben liest man in Rezensionen:
„Klaus Hoffmann ist jetzt bei sich selber
angekommen.“ Also entweder sind Sie
schon immer bei sich angekommen – oder
noch nie. Was ist richtig?
Klaus Hoffmann: Sehr interessant!
Meistens ist das ja ein Sprung in die Lü-
ge, um journalistisches Futter für die Fische
zu haben. Aber heute stimmt das
sogar, wo wir uns hier treffen. Hamburg
war meine Anfangsstadt. Und schon hier
gab es für mich, egal ob als Musiker oder
Schauspieler, nur ein Ziel: Ich will das
werden, was ich bin. Aber auf diesem
Weg bin ich sehr oft an mir vorbeigeschlittert.
Man trägt ja nicht nur Maske,
wenn man eine Maske trägt.
Aber Sie wollten das doch so, oder wurden
Sie von außen dazu gezwungen?
Ich könnte jetzt kokettieren und sagen,
ich bin immer nur mir gefolgt. Das
stimmt aber nur bedingt.

Was Ihnen als Grundthema über Ihre ganze
Karriere hinweg und in Ihren neuen Liedern
folgt, ist die Sehnsucht. Das Sich-Verzehren
nach Liebe und Nähe. Ist das auch
ein Zeichen für Unerfülltheit?
Bestimmt. Oder für die Angst, etwas verpasst
zu haben. Ich zeige das ja auch auf
der Bühne, in Sketchen. Meistens bediene
ich mich an Jacques Brel, wenn es um
Liebe oder Sexualität geht. Ich kann besser
über ihn reden als über mich. Ich war
in meiner Jugend sehr zurückhaltend
und schüchtern, ideale Voraussetzungen,
um ein Riesensänger zu werden,
und musste lernen, das, was ich mache,
gut zu finden. Aber das bestimme ich ja
nicht allein, da wird einem hereingeredet,
man konzentriert sich auf das, was
Erfolg hat. Aber ob das erfüllend war? So
eine Bilanz kann ich auch mit fast 70 Jahren
noch nicht ziehen.

Haben Sie in der Corona-Zeit besonders
große Sehnsucht nach Ihrem Publikum?
Ich bin da viele Jahre lang sehr verwöhnt
gewesen und habe jetzt zuletzt vor 100
Leuten gespielt, das ist schon harter Tobak.
Auf der einen Seite vermisse ich das
Publikum sehr, auf der anderen Seite soll
es mir in diesen Zeiten nicht zu nahe
kommen. Ein merkwürdiger Widerspruch.
Und ich war am Beginn eines Abends wieder so nervös wie ein An­fänger.

Im Lied „Ich würde es wieder tun“ erzählen
Sie von der Angst drei Minuten vor dem
Auftritt, die geradezu „zum Kotzen“ sei. Das
ist immer noch so, nach mehr als 50 Jahren
auf Theater- und Konzertbühnen?
Ich singe, um die Angst zu überwinden,
das klappt jetzt schon sehr gut. Früher
dauerte es bis zur Pause, ehe ich locker
war. Ganz am Anfang dauerte es sogar
bis Konzertende.

Wir stehen vor einem langen Winter der
Einkehr. „Septemberherz“ ist als reflektierendes
und nachdenkliches Album wie gemacht
für diese Zeiten. Sind die Lieder während
der Pandemie entstanden?
Verrückterweise sind sie bereits vor anderthalb
Jahren entstanden. In Griechenland.
Aber aufgenommen haben wir
sie in den vergangenen Monaten, und
das spiegelt sich dann auch wider. Es hat
mich sehr bewegt, in der Erkenntnis der
eigenen Endlichkeit zu singen.

Mit wenigen Ausnahmen wie „Stein auf
Stein“ haben Sie sich in Liedern und Interviews
vor politischen Inhalten gehütet.
„Politische Lieder sind peinlich“ ist ein Zitat
von Ihnen. Jetzt lassen Sie es in „Basta“ ordentlich
krachen: „Er ist wieder da, der alte
Quälgeist“, „Der Hass ist wieder da“ und
„Mein Bruder Joshua trägt die Kippa nur
noch heimlich, an seiner Tür lädt auch kein
Name ein“ singen Sie, begleitet von kernigem
Bluesrock. Wie kam es zu diesem Lied?
Das war eine Verpflichtung, inspiriert
vom französischen Anarchisten Léo Ferrét,
seinem Album „Et … Basta!“ und von
den Moody Blues. Mit dem Arbeitstext
bin ich dann zu meiner Band gegangen,
und die ist aufgesprungen und hat gesagt:
„Das wird jetzt einfach gemacht.“
Finden Sie, dass es altmodisch klingt?
Ich halte es da mit der Entgegnung Ihres
Idols Bob Dylan 1966 in Manchester, als jemand
„Judas“ rief, weil er elektrische Gitarre
spielte: „Play it fucking loud.“ Laut ist nie
altmodisch.
Vielen Dank, das ehrt uns sehr. Nicht nur
Jacques Brel und Bob Dylan, auch Van
Morrison, Bruce Springsteen und David
Bowie sind Künstler, die es schaffen, etwas
in mir aufzubrechen, was ich nicht
erklären kann. Da gab es auch Irrtümer.
Auf den ersten Platten war ich ja viel lauter
als heute. Joan Baez hat mir mal geraten,
einfach leiser zu singen.
Lieder müssen ja nicht laut sein und können
trotzdem deutlich werden. So wie „Was sie
trugen“. Das kann auf vielerlei Art in Hinsicht
auf Verlust von Heimat gehört werden.
Es lässt sich auf das geteilte Berlin ebenso
übertragen wie auf das heutige Afghanistan
oder Syrien ...
Ich habe einige Lieder noch nicht geschrieben,
die die Geschichte weitererzählen
und die sehr böse werden könnten.
Ich verstehe einige Freunde von mir,
die es immer ins Ausland zieht, weil sie
sich unter Fremden wohler fühlen als
unter den eigenen Leuten.

Klaus Hoffmann: „Septemberherz“
Album (Stille Musik) ab 7.11. im Handel; Konzert:
Di 16.3.2021, Elbphilharmonie, Vvk. in Kürze;
www.stille-musik.de
Berliner Kurier 07.10.2020
Klaus Hoffmann - Corona war meine innere Achterbahn
Der Schauspieler und Liedermacher kehrt nach langer Pause mit Brel-Chansons auf die Bühne zurück
Klaus Hoffmann (69) singt Brel. Chansons über Wehmut, Liebe, Mut und Abschied. Es ist der erste große Konzertabend des Berliner Liedermachers seit Monaten. Begleitet wird Hoffmann in der Bar jeder Vernunft von Hawo Bleich am Flügel. Dass die zwei überhaupt schon wieder auf der Bühne stehen, hätte wohl keiner von beiden gedacht. Hoffmanns künstlerisches Leben stand coronabedingt still. Wie das Leben so vieler Künstlerinnen und Künstler in diesen Tagen. Jetzt ist er wieder da. Und Jacques Brel, diesen großen Tröster aus Belgien, der 1978 starb, den singt er nicht zum ersten Mal. Warum jetzt wieder? "Als ich jung war, traf Brel auf Hoffmann. Ich singe ihn heute anders", erklärt der Schauspieler und Liedermacher dem Berliner KURIER. "Brel ist und war eine Haltestange für mich und wird es immer sein. Ein Wertebarometer. Also ist er ein guter Begleiter in dieser unsicheren Zeit".
Die unsichere Zeit: Hoffmann kann im Wortsinn ein Lied davon singen. Der Stillstand wegen Corona fiel ihm erst leicht, dann wurde es "existenziell, dann wieder gut", wie er sagt. "Eine Auszeit. In der Hoffnung, es geht weiter. Ein derartiges Virus bringt alles Verborgende zu Tage".
Ein halbes Jahr ohne Publikum -für Sänger kann es tatsächlich kaum etwas Schlimmeres geben. Für Hoffmann entwickelte sich die Pause zu einer "inneren Achterbahn". Immerhin konnte der singen, schreiben und planen. "Wer das als Selbstständiger nicht annehmen kann, ist verloren.Von den Finanzen ganz zu schweigen. Aber es hat wohl seinen Sinn, wenn man nur gesund bleibt".
Was können wir von Brel in Zeiten der Pandemie lernen? "Weitermachen. An das Leben glauben, weil es den Tod gibt. An die Liebe und unsere Zärtlichkeit. Nicht stumm werden!" Weitermachen um jeden Preis? Nicht, wenn die Leute den Bogen überspannen und leichtsinnig werden, warnt Hoffmann. Für Leute, die auf die Straße gehen und plump gegen Corona-Maßnahmen protestieren, bringt er nur bedingt Verständnis auf, obwohl er selbst mit den Protesten der 68er-Generation groß geworden ist: "Und von Verschwörungstheo-rien halte ich gar nichts. Es ist gefährlich,das Virus zu übersehen. Auch dem Nächsten gegenüber. Corona ist kein Traum, keine Erfindung. Wir sollten sehen, was uns zusammenhält. Mitgefühl und Verständnis für jedes Leben".
Im kommenden Jahr wird Hoffmann 70 Jahre. Wenn man ein derart gelungenes Künstlerleben hat wie er, könnte einem das eigentlich schnuppe sein, oder?, frage ich ihn. "Wie das?", fragt er zurück. "Ich bin froh, eine Stimme zu haben, mich durch meine Lieder und Geschichten zeigen zu können. Ich werde immer dankbar sein, für den Weg, den ich machte. Und der hoffentlich noch weitergeht. Kunst ist ein Lebensmittel - wie sollte ich es lassen?"
Der Konzertabend "Klaus Hoffmann singt Brel" startete gestern um 20 Uhr in der Bar jeder Vernunft (Schaperstraße 24) und läuft bis 11. Oktober. Am 1. und 2. Dezember ist er dann noch einmal mit dem Chanson-Abend im historischen Spiegelzelt zu sehen. Gespielt werden unter anderem "Les Bourgois" ("Die Spießbürger"), "Amsterdam", "Marieke", Jacky" und Ne me quitte pas" ("Geh nicht fort von mir"). "Die Marquesas" ist ein Lied von Brels letzter Schallplatte. Grundlage sind Partituren des Komponisten und langjährigen Brel-Arrangeurs Francois Rauber. Er arrangierte auch drei Alben für Klaus Hoffmann.
Karim Mahmoud
Tickets an der Abendkasse kosten ab 30,40 Euro, ermäßigte Karten ab 12,50 Euro.